Halbinsel Hela

Fischermarken

DiFischermarken Ausschnitte Fischermarken wurden von den Hel´schen Fischern zur Markierung ihres schwimmenden Eigentums und Werkzeuges benutzt. Diese Tradition wurde seit dem Mittelalter gepflegt, als die Fischer noch nicht schreibkundig waren. Die Marken waren aufgrund der sich in dem Städtchen oft wiederholenden Familiennamen leichter zuzuordenen als ausgeschriebene Namen. Selbst heute noch sind z.B. im Fischereimuseum viele Ausstellungsstücke mit Fischermarken versehen. Der frühere Pfarrer Seeger schreibt 1910: "Aus diesen Marken spricht die alte längst vergangene Zeit, sprechen die Vorväter zu den Enkeln. So ein Mark ist ein Stück Heimat."

Dieser Artikel basiert auf einer Veröffentlichung von Prof. Ulrich Tolksdorf aus ca. 1980, der neben eigenen Forschungsergebnissen frühere Schriften von Emil Schnippel und Pfarrer Seeger mit einbezieht.

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Die Fischermarken von Hela

Bei dem Thema "Fischermarken" geraten die Heelschen Fischer und die darüber schreibenden Wissenschaftler gleichermaßen ins Schwärmen und Spekulieren. Emil Schnippel, dem wir die erste größere Publikation aus dem Jahre 1902 darüber verdanken, notiert:

ATafel über Fischermarken im Heimatmuseum auf Helals eine Liebgewordene‚ ja mit einer gewissen Zärtlichkeit festgehaltene Eigentümlichkeit ihrer in so vielen Beziehungen eigenartigen Heimat empfinden die Helenser- und die ebenso intelligenten wie mitteilsamen Leute wissen gut Bescheid - ihre Fischermarken jedoch noch bis auf den heutigen Tag... Unzweifelhaft liegt, wie in den Hausmarken überhaupt, so auch in diesen Zeichen unserer Helenser Fischer, etwas Trauliches, Persönliches, namentlich gegenüber der starren, abstrakten Zahl. Und dazu kommt gewissermaßen auch noch ein leise mystischer Zug, ein "Hauch des Symbolischen, ein Gefühl für den Zusammenhang mit den Geschlechtern der Vorzeit" (W.H.Riehl), und nicht minder eine Freude an dem geheimen, Ja für andere geheimnisvollen Einverständnis und der Zusammengehörigkeit, die alle Angehörigen des entlegenen und doch so teuren Heimatwinkels untereinander verbindet. Dürfen wir uns aber mit Recht, "wo und wie irgend das lebende Geschlecht noch an dem Brauche der Vorfahren festgehalten und das überkommene Erbe geehrt und gepflegt hat", seiner Treue und Zähigkeit erfreuen, - so werden wir auch unwillkürlich den wackeren Helensern Wünschen, daß es ihnen gelingen möchte, ihre alten, in ihrer lebendigen Verwendung für die Gegenwart vielleicht einzig dastehenden Marken sich auch in der Prosa der Neuzeit noch recht lange zu bewahren. 1)Schnippel Fischermarken

Und auch der Pfarrer Seeger, der von 1897 bis 1913 die Pfarrstelle in Hela innehatte und der die zweite fundierte und materialreiche Arbeit über die Heelschen Fischermarken 1910 vorgelegt hat, holt weit aus:

So sind die Fischermarken hierorts noch in lebendigem Gebrauch und erfüllen ihren Zweck seit Jahrhunderten. Ja, die Fischer selbst haben ihre Freude an den krausen, aber doch so schönen Zeichen und wählen, wenn sie alten, eingesessenen Familien angehören, nicht leicht die bequemeren lateinischen Anfangsbuchstaben ihres Namens. Aus diesen Marken spricht die alte längst vergangene Zeit, sprechen die Vorväter zu den Enkeln. So ein Mark ist ein Stück Heimat. Zu dem Bilde der schönen Heimat und ihrer wogenden See, ihren gelben, gleißenden Dünen, ihrem ernsten, niedrigen Kiefernwald, über dem in blauem Äther die weiße Möwe schreit und der Seeadler seine Kreise langsam zieht, gehört auch das väterliche Mark. Das haben die Alten, wenn sie auf Danzigs alten schweren und doch so schmücken Barks und Vollschiffen als Matrosen den Atlantik und die Nordsee durchfurehten, auf ihren Seemannskisten und Kleidersäcken gehabt. Das hat sie an die Heimat erinnert, wo Vater und Mutter, Braut oder Weib und Kind ihrer warteten. Der Schulbube malt es auf seine Tafel, und schneidet es verstohlen hinter Vordermanns Rücken in die Schulbank. Auf dem Chor in der Kirche, wo er sich vor des Pfarrers Blick verborgen weiß, malt und schneidet er es ein. Was er Vatern machen sieht, ahnt er nach und ritzt es ungelenk auf die Knochenschale seines Federmessers, daß ihm "Großke“‚ die Großmutter, von Dominik, dem Danziger Jahrmarkt, mitgebracht hat. Wer ein ordentlicher Fischer sein will, der hat es auf allem Fischergerät, und schön muß es auch sein. Nur der "Luschak“, der unordentliche Mensch, versäumt es, sein Geschirr zu marken, weil er faul ist und lieber “uppe Barg steiht" und klug redet oder schläft. 2)

Seeger Fischermarken

Auch diese beiden Zitate werfen einen Reflex in ihrer Art - aus dem Wissenschaftsverständnis und der Wissenschaftsbegeisterung des beginnenden 20. Jahrhunderts - auf die Heelschen Fischermarken.

Die Autoren jener Zeit waren fasziniert von jenen “der gelehrten Kunde fast fremd gebliebenen Zeichen“ mit ihrer "mystischen, runenähnlichen Gestalt“ (K.G.Homeyer‚ 1870). Aber auch die Fischer erzählen noch heute gerne und kenntnisreich und mit einer gewissen Anhänglichkeit von ihren alten Besitzzeichen. Sie werden z.T. heute noch von einigen in manches Arbeitsgerät eingeschnitten oder gar mit gewissem Stolz - wie ein Adligenwappen - auf dem Siegelring getragen.

Tonbandprotokolle

Vielleicht klingt etwas von dieser Beziehung des Fischers zu den Marken allein schon im Sprachduktus der von mir aufgezeichneten Tonbandprotokolle an:

Eck weet nich, ob En ('Ihnen') eeneridat all vertaellt ('erzählt') hät - dat von de Marker, von de Huusmarker ('Hausmarken'). Dat wär goot enjerecht.('eingerichtet') wi onse Viärkoame ('Vorkommen, Vorfahren'). Dat wär von ganz olle Tieden wär dat. De ganz olle Fescher en onsem Derp sächten: so wiet se seck besenne kunne, do wäre all de Marker en Heel. On en onse Tjarke ('Kirche') - na, wie oll es de? - doa kunnst de uck sehne. On de Djunge ('die jungen Leute'), de weete joa hiete uck nich doavon mehr so viäl, oaber manche Olle ('Alten') hewwe dat hiete noch.

OFischermarken Ausschnittaber paß opp: De Olle, de wäre mächtich stolz doarop. Djeder Fescher, djede Fescherfamilje, haadd sie ('sein') Mark. Dat wäre solke Tjaerwe ('Kerben')‚ meistens sone Längstjaerw ('Längstkerbe, senkrechte Kerbe') on doavon sone Poote ('Pfoten, Beistriche') - uck Affmark ('Abmarke') nennde dat de Olle. Joa, meistens wäre dat solke Striche on Biestriche, uck Tjrieze ('Kreuze').

Joa, eck weet mi noch goot to besenne an manche Marker, so twintich weet eck hiet noch. Doa gaff et e Wedel-Mark, de Groenwaldts-Marker‚ e Walkowsen-Mark, de Sehmelsche Windmehle-Marker (PN Sehmel; 'Windmühlen-Marken'). On djeder wußt freeher de Marker von de andre. Joa, dat wär joa de Senn von dat Ganze. Haaddst wat verloare, denn broachte de andre di dat anjeschleppt. An alle Sache - am Jescherr ('Geschirr, Fischereigerät'), wat wi doa en de Fescherie brucke deeden, wär dat endjetjaerwt ('eingekerbt') oder endjesägt oder endjebrennt: en de Koahns ('Kähne‚ Boote'), en de Kobbes ('Flotthölzer'), en de Stehder ('mit Stange und Flagge versehene Boje, die Anfang und Ende eines in See versenkten Netzes bezeichnet'), en de Roone ('Ruder‚ Riemen'), en de Scheppkes ('Schöpfkellen').

On wenn doa maal Storm wär oder wat, on du verloarst wat, on de andre funde dat, denn nußte se jlieks Bescheed, wem dat djeheere ('gehören') deed. Dat wär so goot endjerecht ('eingerichtet')! On de Olle wäre Stolz opp ehr Mark.

On disse Marker wäre sehr oll ('alt'), de kamme von de ganz olle Tieden. Uck de ganz olle Mensche vertaellde, dat dat doamoals all so djewesst wär. Dat wär eenmoalig en Heel. Na joa, en Heisternest - en Danzjer Heisternest - jaff ('gab') et uck so wat. Dat sull uck emoal dietsch djewesst ('gewesen') sinne - dat vertaellde de Olle uck. On denn heww eck dat uck emoal djesehne doa an de feastlandsche ('festländische')‚ an de hochlandsche Kuste ('hochländische Küste, d.h. die häufig steile Westküste des Putziger Wieks').

Joa, on nu paß opp, wat eck di vertaelle well - tjeener ('keiner') weet, wo disse Marker herkamme deeden - nu: 37 ('1937') hät ons doch de Pollack utdjewiest ('ausgewiesen'). On doa kamm wi noa Riege ('Insel Rügen') doa hen. On de doa - de Fescher - haadde uck doa solke Marker, de tjenne ('kennen') uck so wat! Ob dat wohl stemmt, wat de Olle emmer sächten, dat de Heelsche, onsre Viäkkamme ('Vorfahren') moal doa von de pommersche Kuste djekamme send? (WH)

Ein anderer Fischer erzählt:

Manche hadde joa ook ehre Märker en de Tjarke ('Kirche') en de Bank oder Stehl ('Stühle') enjeschneede. On mien Großvoader vertellt‚ dat doa ganz freeher moal en eenem Balke en de Tjarke alle Feschermarkersch ('Fischermarken') enjeschneede wäre. Jeder, de ee nijje Mark hadde sie ('sein') Mark wählt haadd - durft de doa entjerwe ('einkerben'). On wenn du Jetzt noch doa ee Mark fundst, denn wär dat nich ee Dommejunge-Streich - nee, freeher durfte se dat.

Ein dritter erzählt von dem jetzigen Gebrauch:

FischermarkenMein Zeichen, mein Mark, das mache ich heute noch, auch heute noch. Und ich marke heute noch mein Handwerkszeug. Wenn Sie mich mal in Großenbrode besuchen, dann können Sie das sehen in meiner Werkstatt da. Nicht auf dem Kutter da, die andern - die Einheimischen - die     kennen ja die Zeichen nicht, die wissen ja gar nicht, zu wem die Sachen gehören. Da haben wir  ja auch offizielle Zeichen mit SH ('Schleswig-Holstein'). Aber das Handwerkszeug, das marke ich immer noch mit dem alten Mark. (SP)

Nicht alle Fischer‚die ich befragt habe, kennen noch die Marken ihrer Vorfahren, aber viele erzählen noch sehr anschaulich darüber. Was mir diese Fischer über Existenz und Funktion, Entstehung und Vererbung sowohl aus eigener Erfahrung als auch aus dem Wissen ihrer Vorfahren (der "Ollen") erzählen‚ ergab so manchen wichtigen Hinweis, der in der bisherigen Literatur bisher unberücksichtigt geblieben ist und der nicht nur hilft, manches zu ergänzen, sondern auch Irrtümer, Fehler und Verkürzungen zu korrigieren.

Wie schon oben erwähnt, sind die wichtigsten wissenschaftlichen Arbeiten über die Fischermarken von Hela die von Schnippel und Seeger. Auf sie wird hauptsächlich Bezug genommen werden müssen, und an ihnen wird sich das Erinnerungsvermögen der heutigen Fischer messen müssen.

Weiter zurückliegende Informationen

Weiter zurückliegende Informationen erhalten wir zuerst aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wobei es erstaunlich sein mag, daß der bekannte Danziger Historiker Th. Hirsch, dem wir die erste wissenschaftliche Abhandlung über Haus- und Fischermarken verdanken, ausdrücklich vermerkt, daß in Hela keine Hausmarken existieren. 3) So ist es zuerst K.G. Homeyer 4)‚ der in seinem umfangreichen Werk über “Die Haus- und Hofmarken" 1870 zwei Hinweise auf Helaer Fischermarken gibt, wobei die eine Mitteilung auf den Berliner Major v. Lancizolle aus dem Jahre 1837 zurückgeht.

1893 beschreiben A. Bezzenberger und B. Engel 5) einen Helaer Grabstein von 1646 mit einer Fischermarke. Eine weitere kurze Notiz findet sich dann noch 2 Jahre später, 1895, von Höpfner und G.Conrad. 6) Die 15 bei H. Mankowski (1906) 7) abgebildeten Fischermarken sind bis auf eine identisch mit den bei Schnippel unter Nr. 73-89 aufgeführten und sind wohl von dort - z.T. falsch und ohne interpretativen Text - übernommen worden.

Die Mitteilungen von dem katholischen Pfarrer H. Golembiewski 8) aus Putziger Heisternest von 1888 und G. Bronisch 9) von 1895 werde ich nur zum Vergleich heranziehen, da sie sich ausdrücklich nur auf die kaschubischen Dörfer der Halbinsel (Danziger und Putziger Heisternest, Ceynowa und Kußfeld) beziehen. Dies gilt auch für die polnisch geschriebenen Arbeiten von B. Namysowski (1925/26) 10) und A. Ropelewski (1960) 11), deren Fischermarken soweit sie das Dorf Hela betreffen, weitgehend auf die Verzeichnisse bei Seeger zurückgehen.

Die mundartliche Bezeichnung für die Fischermarke ist neben vereinzelt "dat Moal" ('Mal') fast durchgehend "dat Mark" (im Plural meist "Marker", seltener mit Umlaut "Märker"). Vereinzelt hört man auch die Bezeichnungen "Fescheriemark" ('Fischereimarke’) oder "Huusmark" ('Hausmarke'), wobei letzteres im Kontext nicht 'eine Markierung am Hause' meint, sondern im Sinne von 'zu einem Haus, d.h. einer Familie gehörend' gebraucht wird. Spezifizierend tritt auch häufig - wenn das Zeichen leicht abgewandelt zu einem weiteren Verwandtschaftskreis gehört - der Familienname hinzu: "ee Groenwaldt-Mark", "ee Walkowsen-Mark"‚ "ee Dühring-Mark", oder wenn man eine spezielle Familie meint: "de Karl Hallmann-Mark", "de Martin Wedel-Mark" oder "de Jakob Sehmel-Mark" usw.

Die einzelnen - zumeist von einer Senkrechten abzweigenden - Striche bzw. Kerben nennt man "Pooten" ('Pfoten') oder "Klauen" seltener auch "Affmark" ('Abmarke') oder "Biemark" (‘Beimarke'). Einen Gegenstand mit einer Fischermarke versehen heißt "marke" ('marken, markieren') oder "affmarke", wobei letzteres auch die Abänderung eines Zeichens durch einen Familienangehörigen bezeichnet.

 

Exkurs: Die Marken des 15.—18. Jahrhunderts

In der älteren Literatur steht vor allem die Frage nach dem Alter der Marken häufig im Vordergrund. Da die mündliche Überlieferung meiner Gewährspersonen nur in Ausnahmefällen über drei Generationen zurückreicht und auch etwa die noch heute im Privatbesitz befindlichen Ahnentafeln und Familienchroniken keine Marken aufweisen, kann hier nur auf die verstreut in der Literatur vorliegenden historischen Zeugnisse hingewiesen werden. Auch der Helaer Fischerchronist Martin Struck erwähnt eigenartigerweise die Marken nicht, obwohl sich die Tafel mit den von Schnippel aufgezeichneten Fischermarken in seiner handschriftlichen Chronik findet und die dortigen Fehler von seiner Hand korrigiert worden sind.

Auch die alte Kirchenchronik, die nach 1945 verschollen ist, soll nach Aussagen der Fischer und zweier Helaer Pfarrer keine Fischermarken enthalten haben. Trotzdem wiegt der Verlust der Kirchenchronik auch in dieser Hinsicht schwer, da ohne diese Unterlage bei den verwirrenden Familiennamen (so gibt es z.B. um 1920 allein sieben Personen mit dem Namen Karl Groenwaldt) keine sicheren vergleichenden Angaben für die Erbfolge der Zeichen zur Verfügung stehen.

In den Erzählungen der Fischer wird auch immer wieder hervorgehoben, daß die "Marker“ nach einem freien Gewohnheitsrecht selbständig "von alters her" gewählt werden konnten und nicht von einer offiziellen Stelle (Vogt, Bürgermeister, Amtsvorsteher, Fischmeister usw.) registriert worden sind. Allerdings sollen (siehe den Bericht weiter oben) früher alle Fischermarken in einen Balken des Kirchenchors eingeschnitten bzw. aufgemalt worden sein. Durch die Restauration der Kirche im Jahre 1858 sind allerdings diese Marken bis auf zwei unkenntlich geworden.

So bleiben uns aus historischer Zeit nur Einzelfunde, die zumindest den Gebrauch der Fischermarken in früheren Jahrhunderten belegen.

Die wohl älteste und gesichert überlieferte Fischermarke befand sich in der Kirche von Hela, und zwar auf einer reich bemalten und vergoldeten Holzfigur in dem alten Altarschrein aus dem Ende des 15. Jahrhunderts. 12) Die Holzfigur stellt den heiligen Andreas mit dem Andreas-Kreuz dar. Die Fischermarke ist, umgeben von den Initialen des Stifters. frontal in den Sockel eingeschnitten worden. Über den Namen des Stifters mit den Initialen M und S liegen keine weiteren Angaben vor (Vgl. Nr. 1).

Die wohl zweitälteste uns bildlich bekannte Fischermarke ist auf einem Siegelstempel des 15. Jahrhunderts erhalten, der angeblich in dem Gebiet der Ruinen von Alt-Hela gefunden worden ist und bis 1945 im Danziger Provinzialmuseum aufbewahrt wurde. Allerdings hat die genaue Identifizierung sowohl der Marke selbst als auch der Umschrift auf der Petschaft Schwierigkeiten bereitet. Das Zeichen wird bei Homeyer (nach Strehlke) 13) mit XXX und bei B. Engel 14) als XXX wiedergegeben. Die Inschrift lautet je nach Lesart: S. PETRI ' DE ' HARTA (oder HANTA oder LANTA - was also vielleicht als DE ' Haela zu deuten wäre). (vgl. Nr.2)

Einen weiteren Hinweis auf die alten Hausmarken finden wir auch in den alten Urkunden bzw. in den Briefen und Berichten, die die Vögte des Landes Hela an die Stadt Danzig schickten. Dies ist zumindest von zwei Helaer Vögten aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts belegt. So notiert Rühle 15) in den "Regesten zu den Urkunden und Briefen der Stadt Hela aus der Zeit von 1351 bis 1525" aus dem alten "Staatsarchiv der Freien Stadt Danzig" viermal eine Hausmarke, die hinter dem Siegel aufgezeichnet war. Und zwar hat Niclas Role, Vogt zu Hela, seine Hausmarke in Briefen vom 1. und 3. November 1519 sowie vom 29.3.1520 und sein Nachfolger Johannes Hennecke am 22.8.1522 seiner Unterschrift beigefügt. Leider hat Rühle diese Hausmarken nicht abgedruckt. Inwieweit in Zukunft bei einer gezielten Durchsicht der älteren Archivalien des ehemaligen "Danziger Archivs" - dessen vollständiger Verbleib noch unklar ist - noch weitere Funde zum Vorschein kommen, bleibt abzuwarten. 16)

Zu den ältesten Zeugnissen für den Gebrauch der Marken als Namenszeichen gehören - ebenso wie in anderen Fischerdörfern der Ostseeküste 16) - die Grabsteine. So ist uns eine eindeutige Identifizierung der drittältesten Helaer Fischermarke möglich, die sich auf einem Grabstein des Helaer Friedhofs befand. Zu erkennen ist darauf (vgl. Nr. 3) das Zeichen, links und rechts die Initialen D und I sowie der Inschrift: DAVID JESKE VOGT SEINER SEL. FRAWEN ZUM GEDAECHTNIS AO 1646. 17)

Der Gebrauch von Fischermarken auf Grabsteinen ist aber wohl spätestens in der Mitte des 19. Jahrhunderts abgekommen, denn weder Schnippel und Seeger noch meine ältesten Gewährspersonen können sich mehr an diese Sitte erinnern. Auch auf Rügen und Hiddensee kam zu dieser Zeit dieser Brauch ab.

Weiterhin befanden sich im Innern der Kirche mehrere Marken, die Seeger mit genauer Datierung aufgezeichnet hat. Dabei ist interessant, daß sich alle diese Zeichen noch im 20. Jahrhundert - wenn auch zu anderen Familien gehörend - in Hela im Gebrauch vorfanden, worauf wir weiter unten noch eingehender eingehen werden.

So waren auf der Hinterseite des Hauptaltars die Namen und Zeichen der vier Kirchenväter aus dem Jahre 1648 zu erkennen. Dabei hatte man die Marken wie Handzeichen hinter die Namen gesetzt.18) So war noch um 1920 das gleiche Mark des Peter Neumann von 1648 (vgl. Nr. 4) als Schmidtmarke, das des Jacob Gendritzke (vgl. Nr. 5) als Friedrich Walkows-Mark (vgl. Nr. 162) im Gebrauch. Das Zeichen des Jakob Piper (vgl. Nr. 6) scheint das charakteristische Zweihäusermark (vgl.Nr. 25) des Martin Budd zu sein, wobei.die Bögen lediglich durch die leichter zu markenden Winkel ersetzt zu sein scheinen.

Ebenso war auch noch in diesem Jahrhundert das Mark des vierten Kirchenvaters, eines Hans Tolkemit, in Gebrauch, der 1648 mitgeholfen hatte, den Hauptaltar zu bemalen und dessen Zeichen sich mit seinem Namen auf der Hinterseite des Altars befand. Er markte so: XXX (vgl.Nr. 7), also durch Zusammenziehung der Namenskürzel H.TK.. Von ihm wissen wir, daß er nach bewegtem und unglücklichem Leben 1635 nach Hela einwanderte, daß er früher Kornhändler gewesen war und dann in Hela Schulmeister und zuletzt Kirchenvater wurde. Seine Verwandten ließen dann den Querbalken des T fort und markten nur XXX (vgl. Nr. 8). Auf die Verwendung dieses Zeichens als Kunz— bzw. Hallmannmarke werden wir weiter unten eingehen.

Eine weitere Marke befand sich auf einem Bild in der Kirche, das von den Helaer Bürgern Kroll und Marehn 1730 gestiftet worden ist (vgl. Nr. 9). Das Mark wird also wohl einem der beiden gehört haben. Die Familie Marehn war um die Jahrhundertwende in Hela nicht mehr vertreten, dagegen aber wohl noch der Name Kroll. Nach 1900 befand sich allerdings das Mark als Besitzzeichen in der Familie Boschke (vgl. Nr. 19).

Noch zwei weitere Marken befanden sich - wie schon weiter oben erwähnt - im Chor der Kirche. Beide gehörten angesehenen Danziger Bürgern, einem Amtsschreiber Michael Hancke (vgl. Nr. 10) und einem Festbäcker Andreas Jüngmann. Sie haben sich wohl mit irgendeiner nicht näher bezeichneten Stiftung um die Kirche verdient gemacht. Die Zeichen dürften etwa für die Zeit zwischen 1750 und 1800 zu datieren sein. Diese beiden Marken fanden sich nach 1900 nicht mehr in Hela in Gebrauch, und evtl. Ähnlichkeiten durch Abwandlung feststellen zu wollen - etwa zu den Schmidtmarken oder Dahlmarken - können nicht mehr sein als beziehungslose Spekulation.

Für die Zeit des 15. bis 18. Jahrhunderts kennen wir also nur 12 Marken. Diese historische Quellenlage ist insgesamt zu eng, um einen spekulativen "Kopfsprung in die graue Urzeit" zu wagen. Dagegen ist es aber wohl durchaus möglich, Fragen der Problematik der Zeichengebung, der Verwendung und der Erbfolge mit Hinsicht auf die Situation im 20. Jahrhundert zu diskutieren.

 

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1)            Schnippel, Fischermarken, 1904, S. 260 u. 272

2)            Seeger, Hela, 1910, S. 105

3)            Th.Hirsch‚ Danziger Chronik, 1855, Beilage IV, S.125. - Auch von der Tagung der deutschen Anthropologen, die am 6.August 1891 Hela besuchen, finden sich keine Protokollnotizen über die Fischermarken. Dem bekannten Mediziner Rudolf Virchow (1821—1902), dem  Mitbegründer der "Deutschen Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte" (1868) fiel nach genauen Untersuchungen mehrerer charakteristischer Männergestalten in Hela nur auf‚ daß sie zu dem "blonden und blauäugigen Typus" gehören (Zs. f. Ethnologie 1891, S.776ff.)

4)            Homeyer, Haus- und Hofmarken, 1870 (2.Ausgabe 1890), S.78 u. 259

5)            Bezzenberg u. Engel, Sitzungsberichte, 1893‚ Tafel V, Figur 12, dazu Texte S. 4 f.

6)            Höpfner u. G. Conrad, Sitzungsberichte, 1895, S. 162

7)            H. Mankowski‚ Halbinsel Hela‚ 1906, S. 47

8)            H. Golembiewski‚ Fischerleben, (poln. 1888‚ S.61) deutsch 1918, S. 42

9)            G. Bronisch, Sitzungsberichte, 1895, S. 137 ff.

10)          B. Namysowski‚ Merki rybakow pomorskich, 1925/26‚ S. 101-130

11)          A. Ropelewski‚ Marki rybakow morskich wybrzeza gdanskiego, 1960, S. 45-57

12)          vgl. Seeger, Hela, 1910, S. 111 mit Abb.

13)          Homeyer, Haus- und Hofmarken, 1870 (2.Ausgabe 1890), S.78

14)          Bezzenberg u. Engel, Sitzungsberichte, 1893‚ Tafel V, Nr. 181

15)          Dr. Siegfried Rühle, Die Stadt Hela im Mittelalter, erschienen in Zeitschrift des westpreußischen Geschichtsvereins Ausgabe Nr. 69, Danzig 1929, S. 169 f.

16)          Immerhin erwähnt Th. Hirsch schon 1855 (!), daß er eine große Sammlung beiläufig gefundener Hausmarken im Archiv angelegt hätte, "die jetzt (1855) schon über 700 solche Zeichen enthält"

17)          Bezzenberg u. Engel, Sitzungsberichte, 1893‚ Tafel V, Figur 12, dazu Texte S. 4 f.

18)          Seeger, Hela, 1910, S. 110